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Die neue Obdachlosenzeitung...

stadtleben.de präsentiert ein Interview und Hintergrundinfos zur Obdachlosenzeitung



Es ist gleich Mittagszeit und die Sonne brennt noch nicht ganz so erbarmungslos auf die Menschen herunter. Am Herstallturm vor dem Modegeschäft Ann Christine steht ein großer stattlich gebauter Herr um die 60 Jahre. Schon von weitem ist er zu hören: In eindeutigem Sing Sang ertönt: „Diiiiiie neue Obdachlosen-Zeitung!“



Immer werktags von ca. 10 bis 13 Uhr ist dieser Satz zu hören. Normalerweise steht oder sitzt hier ein Mann mit einer Beinprothese. Heute nicht. Heute habe ich einen großen Herrn vor mir, der einen weißen Pulli und eine dunkle Leinenhose trägt. Er wirkt gepflegt und freundlich. Die Zähne glänzen, die Fingernägel sind eine Spur zu lang, aber sauber.



Als ich ihm ein Exemplar für 1,50 Euro abkaufe, schwäbelt er fröhlich und aufgeschlossen vor sich hin. Er spricht über das gute Wetter und die Redaktion der „Straßen Gazette“, wie die Obdachlosen-Zeitung heißt. Ihre Macher arbeiten im Odenwald in Darmstadt, der Herausgeber-Verein der Strassen-Gazette e V.“ hat seinen Sitz in Erlangen. Ohne öffentliche Fördermittel wird Menschen in sozialer Not über den Verkauf der Gazette geholfen werden.



Gerhard, der in Wirklichkeit nicht so heißt, zittert ein bisschen mit den Händen, die das Bündel Zeitungen fest umklammern. Er wirkt ganz und gar nicht nervös. Vielmehr lässt das Zittern auf einen Teil seiner Vergangenheit schließen, den er jetzt hinter sich gebracht hat.



„Unsere Verkäufer sind nur in seltenen Fällen obdachlos. Obdachlose verkaufen nur gelegentlich. Meist sind es Menschen, die es nach langer Zeit von der Straße weg geschafft haben, aber auf dem gängigen Arbeitsmarkt nicht mehr unterkommen “, erklärt mit Gabrielle Lermann, die Leiterin der Gazetten-Redaktion. Sie arbeitet von zu Hause aus und organisiert die Ausgaben, die eine monatliche Auflage von 9.000 bis 10.000 Stück aufweisen. Über Internet und Telefon verständigt sie sich dann mit ihren festen und freien Mitarbeitern.



Eine dieser 20-seitigen Exemplare halte ich nun selbst in der Hand. Von den eingenommenen 1,50 Euro darf Gerhard 50 Prozent behalten. Als ich ihm zwei Euro in die Hand drückte, komme ich mir blöd vor, auf meine 50 Cent Wechselgeld zu pochen, wenn ich doch auch bereit bin, in einem Café bis zu drei Euro für ein schnödes Wasser zu zahlen.



„Stimmt so!“, sage ich zu ihm.

Gerhard freut sich urig und schwäbelt: „Schi sann ja nett!“

Ich schaue mir die Mai/Juni-Ausgabe näher an. Atomkraft ist auch bei der Gazette das Titelthema.

„Von dem Trinkgeld kann ich mir schon eine halben Kaffee kaufen!“, sagt er und deutet auf die Bäckerei nebenan. Als ich ihn frage, ob er regelmäßig hier steht, erzählt er mir, dass er manchmal angerufen wird und für andere Verkäufer einspringt. Das mache er gern, er sei Rentner und zu Hause falle ihm sonst nur die Decke auf den Kopf.



Gerhard muss sicher von Manfred angerufen worden sein. Der ca. 72-jährige Mann mit der Beinprothese, der die Gazette auch teilweise in Würzburg vertreibt, ist einer dieser festen Verkäufer und fungiert ebenfalls als Verteilerstelle für Aschaffenburg.



„Unsere Zeitung wird im Odenwald produziert und von dem Darmstädter Echo gedruckt. Dann liefern wir die Ausgaben an verschiedene Verteilerstellen. Das sind meist öffentliche Einrichtungen wie die Teestube in Darmstadt, aber auch bestimmte Kioske, wo die Verkäufer dann ihre Exemplare abholen können“, erklärt Frau Lermann.



Manfred ist eine solche Verteilerstelle. Diese Woche steht er nicht am Herstallturm, sondern Gerhard. Er ist per du mit dem Postboten, der an uns vorbeieilt und scheint die Abwechslung zu genießen. Die Anstrengung, sich täglich für mehrere Stunden die Beine in den Bauch zu stehen, sieht man ihm nicht an. Mitleidige Blicke von Fremden prallen scheinbar an ihm ab. Lieber skandiert er weiterhin sein Sprüchlein und macht so auf sich aufmerksam.



„An manchen Tagen, wenn wirklich nichts läuft, mache ich eben etwas früher Feierabend. Ich bin ja freier Unternehmer!“, lacht er.

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